Programmatik des Projekts
Spekulative Poetik

 
1)

Spekulative Poetik verknüpft das sprachfundierte poststrukturale Denken der letzten Jahrzehnte mit dem zeitgenössischen Interesse an Ontologie. Spekulatives Denken – (egal ob dasjenige Hegels , Benjamins, oder jüngst Quentin Meillassouxs – drängt auf eine Selbstbestimmung durch seine sprachliche Praxis. In diesem Sinne interessieren sich sprachontologische Ansätze in Linguistik und Philosophie für Poiesis, die den korrelationistischen Mythos von der Erschaffung der Welt durch die Sprache ontologisch umdeuten: Sprache verändert die Welt.


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2)

Sprache, Literatur und Denken sind Teil der Welt. Literatur denken meint dann, natürliche Sprache, literarische Artefakte und poetisches Denken auf einer Ebene zu verorten. Alfred North Whitehead und Isabelle Stengers zufolge verlangt spekulative Philosophie ein Experimentieren mit der Sprache, wohingegen jeder ready-made-Gebrauch von Wörtern scheitern muss. Spekulative Poetik untersucht Literatur darum als das Forschungslabor der Sprache. Nicht-arbiträre Sprache entwickelt sich rekursiv, d.h. entfaltet die Welt mit jeder Rückwendung auf sich selbst weiter.

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3)

Literatur ist weder reiner Stil noch leeres Zeichen, sondern ein Wissen von und in der Welt. Gegenüber einem Denken von Erfahrung in ausschließlich ästhetischen Kategorien ist zu betonen: Die Dimension des Poietischen geht weit über das Machen von Texten hinaus. Poetik ist dann spekulativ, wenn ihr philosophischer Horizont sich mit spekulativer Grammatik (Thomas von Erfurt), spekulativer Linguistik (Leiss) und spekulativer Semiotik (Peirce) verbindet und die poietische Funktion der Sprache berücksichtigt.

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4)

Weder aisthesis (Wahrnehmung der Welt) noch noiesis (Denken der Welt) gibt es ohne poiesis. Deswegen bedarf eine Sprachtheorie einer Poetik des Denkens. Die von der ästhetisch und bildwissenschaftlichen Hegemonie geprägten Philosophie übersehene poietische Dimension der Sprache betrifft ihre weltschaffende Funktion. In Sprache und Denken stets ein poietisches Moment aufzuweisen bedeutet keine Ästhetisierung von Theorie. Der Versuch einer Poetisierung der Philosophie verwirft den Dualismus von Sinnlichkeit und Denken, der die Philosophie seit Erfindung der Ästhetik prägt. Dabei geht es darum Alternativen zu einem seit mehr als 200 Jahren ungestört herrschenden, und notwendig korrelationistischen Ästhetischen Regiment zu finden.

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5)

Postästhetische, postkonzeptuelle, und postmediale Kunst implizieren eine Poetik, die zeitgenössische Literatur an ihre philosophischen Ursprünge zurückkehren lässt: gegen-wärtige Literatur "projects into presence a temporal unity that is in principle futural or horizontal and hence speculative" (Osborne). Im Zeichen der contemporary art übernimmt das Literarische die Aufgabe eine globale, soziale und politische Gegenwart zu schaffen. Gegenwart als Einheit der Zeit ist eine poetische Fiktion, die als solche weder faktisch noch medial hergestellt werden kann. Ein spekulatives Nachdenken über Literatur impliziert eine dementsprechende historische Methodologie, die anstelle einer literaturgeschichtlichen Chronologie auf eine asynchrone Zeitpoetik setzt.

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6)

Orientierungspunkt gegenwärtiger Poetik ist ein spekulativer Horizont, der, mit Meillassouxs postmetaphysischem Materialismus gedacht, die Zukunft in sich selbst zurückkehren lässt und auf diese Weise den Zugang zu einer unvorhersehbaren Vergangenheit eröffnet. Eine asynchrone Zeitpoetik entwickelt die Errungenschaften der Moderne weiter und greift zugleich klassische Fragestellungen auf. Sowohl methodisch als auch historisch bedarf es neuer konzeptueller Perspektiven: statt der Postmoderne mit einer Rückkehr zu modernistischen Positionen zu begegnen, sind etwa Konzeptionen der literarischen und philosophischen Altermoderne oder zu entwickeln.

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7)

Der altermoderne Präsensroman schenkt nicht nur der Literatur ein neues Erzählen, sondern bereichert auch das Tempussystem unserer Sprache als solcher. Dass und wie Sprache unsere chronologische Zeitvorstellung schafft wird erfahrbar nur im Nachvollzug literarischer Fiktion. Spekulative Poetik versucht aufzuzeichnen, was nie nur die Leistung einzelner Autoren oder Werke ist, sondern sich dem Wirken einer literature at large verdankt.

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8)

Das Denken sowie Schreiben - und Hegel zufolge auch das Lesen - nicht einfach prädikativer, sondern spekulativer Sätze bedeutet für das Subjekt eine Drift; es geht in seinen Objekten auf. Es sind unsere (meta-noietischen) Lektüren, die uns zu dem machen, was wir sind. Wie wir die Welt denken, sehen und in ihr agieren entspringt einer spekulativen Ultra-Ethik (Suhail Malik). Poiesis kann dabei in einem ganz platonischen Sinne verstanden werden, als Praxis, die einen Raum der Wahrheit eröffnet.

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9)

Mit Walter Benjamin lässt sich aus der Begrenztheit unserer Erfahrung, ihrer Krise und schließlich Verunmöglichung in der Moderne auch positiv auf die Notwendigkeit einer seit der Romantik virulenten Semontologie und spekulativen Poetik schließen. Poiesis schafft jene Möglichkeiten, die zu Bedingungen von Erfahrung werden können und ihr spekulatives Moment entwickelt Möglichkeiten eines Zugangs zu (absolutem) Wissen. Spekulativer Materialismus wählt zur Erklärung dessen, was ist, keinen Begriff der Äquivalenz, keine Philosophie des Werdens und keine Wissenschaft von Kausalerklärungen, sondern einen experimentellen Weg. Fakten sind kontingent (und zwar notwendig). Dies ist der Ort einer Poetik: Etwas zu schaffen, das nicht als notwendig verstanden werden konnte, bevor es geschaffen wurde; das in seiner Entstehung nicht kausal zu begründen ist, sondern den Zufall als sein Modell zu haben scheint; und das schließlich in diesem künstlerischen Akt von Poiesis einen Raum der Wahrheit eröffnet.

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10)

Philosophie denkt Literatur, Literatur macht Theorie und die Sprache ist selbst eine Form des Wissens: Spekulative Sprache (Derrida), poetische Ontologie (Podoroga), literarischer Sachverstand (Erb) stehen in einem immanenten Zusammenhang. Diesen produktiv zu machen erfordert eine Kollaboration von Literaten, Literaturtheoretikern und spekulativer Philosophie, sowie der Kombination eigener Text- und Theorieproduktion mit der Übersetzung und Publikation einschlägiger Theorie. Spekulative Poetik propagiert die Praxis eines Vertauschens der Karten zwischen unterschiedlichen Disziplinen und Wissensformen. Das Wissen der Literatur fruchtbar zu machen, meint dann auch: Wir wissen noch nicht, was Literatur ist.

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