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26.6.2012

Ralf Simon

Vorüberlegungen zu einer Theorie der Prosa

18:00Freie Universität Berlin Raum L 113Habelschwerdter Allee 4514195 Berlin
 

Ralf Simon - Universität Basel,

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Ästhetische Verdichtung wird in der Regel über den Formbegriff hergeleitet. So wird der bildnerische Sinn im Artefakt dicht, die musikalische Äußerung in der Komposition, die Sprache, sofern sie Lyrik oder Erzählung ist und sich in die bekannten Genres ausdifferenziert. In diesem Sinne sind Ästhetiken immer von Formüberlegungen geprägt, vom Formalismus heimgesucht. Nun gibt es aber das evidente Phänomen, dass ästhetische Dichte auch jenseits von Form stattfinden kann, nämlich in der Prosa, man denke an Autoren wie Jean Paul, Rabelais, Sterne, Joyce. Eine Seite von Arno Schmidts »Zettel's Traum« kann es hinsichtlich der Verdichtung und der Rekurrenzen spielend mit einem Celan-Gedicht aufnehmen. Wie ist die dichte Textur aber zu denken, wenn sie nicht das Ergebnis einer Modellierung durch Form – weder Narration noch Lyrik – ist?

Eine Theorie der Prosa liegt nicht vor. Der Vortrag wird versuchen, die Dringlichkeit einer solchen Theorie zu begründen. Die näheren Bestimmungen zu einer solchen Theorie können einerseits aus einer Lektüre der philosophischen Ästhetiken gewonnen werden. Hier lautet die These, dass ›Prosa‹ als generative Matrix der Form-Ästhetik zu verstehen ist. In diesem Sinne ist eine Theorie der Prosa das eigentliche Anliegen von Literaturwissenschaft. Andererseits ist darüber nachzudenken, in welchem Ausmaße Jakobsons an der Lyrik entwickeltes Vokabular für die Prosa nutzbar zu machen ist.

 

Vortragsreihe Poetik