Poetisierung der Philosophie

Die großen philosophischen Grabenkämpfe des 20. Jahrhunderts – zwischen Dekonstruktion und Hermeneutik, zwischen kontinentaler und analytischer Philosophie – haben alle Beteiligten erschöpft zurückgelassen. Das Schlachtfeld, auf dem diese Kämpfe vornehmlich ausgetragen wurden, ist die Sprache. Dagegen erleben wir heute nur allzuoft einen abstrakten Gegenschlag, als ob mit einem ontologischen Gewaltakt der gordische Knoten von Sprache, Denken und Sein zu lösen wäre. Diese lange, von Platon bis Badiou währende Tradition, Sprache und Ontologie zu trennen, hat sich offensichtlich immer noch nicht erschöpft. Unser Vertauschen der philosophischen Positionen und ihr Othering bedingen und verstärken sich wechselseitig. Generell plädieren wir für eine entsprechende ‚Poetisierung der Philosophie'. Was ist damit gemeint? Wir wollen also auch ein kritisches Moment der analytischen Sprachphilosophie fortsetzen, um damit die seit 200 Jahren unablässige Ästhetisierung der Philosophie zu korrigieren. Konkret richten wir uns damit gegen ein sprachunabhängiges inneres Princip (Baumgarten) der Sinnlichkeit als (wie auch immer teleologisch zugerichtetes) Erkenntnisvermögen. Es gibt kein Erkennen unabhängig von der Sprache, unabhängig von semiotischen Prozessen. Weder aisthesis (Wahrnehmen der Welt) noch noiesis (Denken der Welt) sind ohne poiesis zu haben. Deshalb kommt eine Theorie der Sprache nicht ohne eine Poetik des Denkens, eine spekulative Poetik aus. Die nicht nur von ästhetischer Philosophie übersehene poietische Dimension der Sprache betrifft ihre welterzeugende Funktion. Ohne sie wäre Metanoia gar nicht denkbar. Unser Nachdenken über sie baut daher auf der Analyse sprachlicher poiesis auf. Über Metanoia nachzudenken (oder vielmehr: ihr nachzudenken) zwingt uns also, die ontogenetischen Kapazitäten der Sprache zu verstehen und eine Philosophie des Bewusstseins zu entwerfen, mit der sich die Welt-schaffende Fähigkeit der Sprache denken lässt. Unser Denken und das Entstehen unserer Welt sind miteinander verbunden – in Metanoia wird das offenbar.

Auszug aus: Avanessian, Armen und Hennig, Anke: Metanoia oder Wie lesen die Welt verändert (Manuskript).