Das semiotische Dreieck

Bereits mehrfach sind wir theoretischen Problemen begegnet, deren weitere Erläuterung eines semiotischen Instrumentariums bedarf. Wir wollen hier zunächst von Charles Sanders Peirce' pragmatischer Semiotik ausgehen. In der dreiwertigen Relation des von ihm entwickelten semiotischen Dreiecks werden Objekt und Zeichenmittel durch einen Interpretanten differenziert. Bedeutung kommt also – und dies deckt sich mit unseren Überlegungen zu Teil/Ganzes-Relationen – stets in einem holistischen Zusammenhang zustande. Sie entsteht also in einem Ganzen, das durch eine Triade von Elementen gebildet wird. Teil/Ganzes-Relation bedürfen einer triadischen Relation, in Zeichendyaden kann es sie nicht geben. Peirce' Zeichentheorie soll es uns ermöglichen, einen experimentellen Zug am Grunde sprachlicher Bedeutungsgebung zu fassen. Dabei wollen wir uns, wie Peirce es bereits selbst getan hat, von einer praktikalistischen Verkürzung seines semiotischen Pragmatismus distanzieren: Zeichen sind nicht lediglich durch ihren alltäglichen Gebrauch bestimmt. Sie werden zwar alltäglich gebraucht, sind aber zum Zwecke des Erkennens der Wirklichkeit entwickelt. Die Produktion von Zeichen ist demnach nicht lediglich praktisch, sondern zugleich poietisch bestimmt. Eine semiotisch informierte Poetik interessiert sich für den Sprachgebrauch als Ort von Erkenntnis. Mit seiner Zeichentriade hat Peirce ein Feld abgesteckt, auf dem es möglich ist, weit über die Sprache hinaus reichende Prozesse der Interpretation zu erfassen. (,,,) Vorerst ist zu begründen, inwiefern eine Poetik, die an der Ontogenese von Sinn interessiert ist, grundsätzlich auch semiotische Aspekte berücksichtigen muss. Ist die Reichweite eines semiotischen Ansatzes so groß, dass sich mit ihm auch unsere Fragen nach den spezifisch poietischen Dimensionen der Sprache und des Denkens erfassen lassen?
So weit das Feld ist, das Peirce abgesteckt hat, so stark variieren auch die (philosophischen oder repräsentationslogischen) Ausdeutungen des semiotischen Zeichendreiecks, was sich auch in jeweils unterschiedlichen Beschriftungen ausdrückt. Viele von ihnen stehen sogar in Widerspruch zueinander. Aber in den verschiedenen Versionen der Beschriftung des Zeichendreiecks in den unterschiedlichen Diskursen lassen sich jeweils unterschiedliche Einsichten in dessen Funktionsweise ablesen. Wir wollen nun aber gerade nicht die verschiedenen Lesarten in eine ‚adäquatere' Lesart des semiotischen Dreiecks überführen, sondern sie für eine (nur unter Hinzuziehung semiotischer Überlegungen zu formulierende) Sprachontologie fruchtbar machen.

Auszug aus: Avanessian, Armen; Hennig, Anke: Metanoia oder: Wie Lesen die Welt verändert. Eine Philosophie sprachlichen Bewusstseins. (Manuskript) PDF