Linguistische Rekursion

Statt ausschließlich einzelne Werke oder ihre Autoren zu betrachten, statt Werkphilologie oder Autorenpoetik zu betreiben, muss sich eine von Guillaume inspirierte spekulative Poetik für literature at large interessieren. Eine ungebundene und von einzelnen Territorien oder Personen losgelöste Analyse von Literatur könnte diese als experimentelles Labor der Sprache und Sprachentwicklung beschreiben. Auch hier ist jener schon mehrmals erwähnte spekulative und sprachgenetische Katalysator am Werk: die auf Teil/Ganzes-Relationen basierende Rekursivität als ein Instrument zur Herausbildung und Ausdifferenzierung geordneter Komplexität. Rekursion katalysiert und steuert die autopoietische Entfaltung der Sprache, ihre Entwicklung und Anpassung an immer neue Bedingungen. Und diese genetische Fähigkeit, sich rekursiv auf sich selbst zu beziehen, ist es auch, die das Fundament einer spekulativen Poetik berührt: die Synthese von Sprachtheorie und Ontologie. Denn Selbstreferenz geht nicht mit einer reflexiven Abschottung der Sprache gegen eine ihr äußerlich bleibende Welt einher, wie es uns eine allzu lange währende (post)moderne Ideologie weismachen wollte. Mit Guillaume und gegen ein einhundertjähriges Missverständnis des linguistic turn lässt sich sagen: Weder Referenz auf die Welt und ihre Gegenstände noch die Anpassung an sie kann ohne rekursive Selbstreferenz gedacht werden. Indem Sprache sich rekursiv auf sich selbst bezieht, schafft sie sich poietisch selbst als faktischen Gegenstand – und damit die Welt immer neu.

Auszug aus: Avanessian, Armen: "Nachwort", in: Guillaume, Gustave: Zeit und Verb, übers. von Esther von der Osten (erscheint September 2013). PDF