Hegels spekulative Sprache

Neben Schellings und Fichtes Absolutsetzung des Ich=Ich – eine bewusstseinsphilosophische Identifizierung, die nicht zufällig von den sprachtheoretisch versierten Frühromantikern einer umgehenden sem-ontologischen Inversion unterzogen wurde – hat vor allem Hegel versucht, die kantische Transzendentalphilosophie spekulativ zu transformieren. Auch sein Ausgangspunkt ist die transzendentale Untersuchung der Natur der Vernunft und ihres antinomischen Begehrens, die eigenen Grenzen zu überwinden. Doch worin besteht eigentlich die spekulative Dimension von Hegels Idealismus, wenn seine Logik nicht einfach von einem zwanghaften Willen zur Aufhebung bestimmt und sein System nicht bloß von einer ständigen Identifizierung des Nicht-Identischen angetrieben wird? Lesen wir das spekulative Element in Hegels spekulativem Satz mit seiner Forderung nach einer »Identität des Subjekts und Objekts« tatsächlich als »Satz«, das heißt als sprachliches Konstrukt, dann sehen wir: Subjekt und Objekt – im Gegensatz zu Subjekt und Prädikat im prädikativen Satz – sind sich gerade nicht identisch, sondern werden andere. Ganz im Sinne von Hegels Unterscheidung von Seinslogik und Wesenslogik wird in der dialektischen Bewegung des Satzes dessen ursprüngliches Subjekt durch ein Prädikat negiert, das sich als Substanz erweist. »Der Inhalt ist somit in der Tat nicht mehr Prädikat des Subjekts, sondern ist die Substanz, ist das Wesen und der Begriff dessen, wovon die Rede ist. [...] Vom Subjekte anfangend, als ob dieses zum Grunde liegen bliebe, findet es, indem das Prädikat vielmehr die Substanz ist, das Subjekt zum Prädikat übergegangen und hiermit aufgehoben«. Demnach könnte ein sprachontologisch informiertes Verständnis von Spekulation mit der spekulativen Bedeutung des Theorems einer »Identität mit dem Absoluten« auch ein anderes Licht auf die sprachorientierten – Grant spricht in seinem Beitrag sogar von »Freges Hegelianismus« – Philosophien des 20. Jahrhunderts werfen und die Bestimmungen des spekulativen Idealismus, Materialismus und Naturalismus weiter ausdifferenzieren helfen.

Auszug aus: Avanessian, Armen: "Einleitung", in: ders. (Hrsg.): Realismus jetzt. Spekulative Philosophie und Metaphysik für das 21. Jahrhundert, Berlin 2013. PDF