Epilog "Präsens. Poetik eines Tempus" (Auszug II)

II. Experimentelle Poetik = Science (of con-temporary) fiction

 

Poetik zielt auf Sprache in zweiter Potenz. Sie untersucht Literatur als das Entwicklungslabor der Sprache. Anders als etwa für filmische Veränderungen sind solche der Sprache jedoch nicht entlang einer externen Technikgeschichte (Montage, Tonspur, Farbfilm, digitales Bild) nachvollziehbar. Wie aber entwickelt Sprache sich selbst, und in welchem Verhältnis steht Poetik zu den Entwicklungen der Sprache?

Die strukturale Poetik, auf deren zentrale Kategorien von sprachlichem Code und Mitteilung wir zurückgegriffen haben, hat sich dieser Frage über unterschiedliche Funktionen der Sprache genähert. Roman Jakobson zufolge besteht die „poetische Funktion der Sprache" (Jakobson, Roman: „Linguistik und Poetik", in: ders.: Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971, hg. von Elmar Holenstein und Tarcisius Schelbert, Frankfurt am Main 1979, S. 83-121, hier S. 92ff) darin, dass sie sich in ein dynamisches Verhältnis zu sich selbst setzt. Es wäre jedoch ein Missverständnis, darin einen reinen Selbstzweck zu erkennen (Gleichwohl ist dieses Selbstverhältnis (bzw. dieses ‚Sich-zu-sich-selbst-ins-Verhältnis-Setzen') gegen Versuche, die Sprache durch eine zügellose Rhetorik zu instrumentalisieren, in seinem Eigenwert zu betonen.). Das rekursive Moment der Sprache ist vielmehr als funktional zu begreifen, macht es doch die Entwicklungsfähigkeit der Sprache für und in ihrem Gebrauch aus. Gegenstand von Poetik ist jene Funktion der Sprache, in der sie (mit dem speculative realist Graham Harman gesprochen) ihr „tool being" reflektiert, ihre eigenen Operationen verfolgt und Werkzeuge erfindet (Graham Harman (Tool Being. Heidegger and the Metaphysics of Objects, o.O. 2002, S. 35ff.) betont gegenüber den vielfachen Rezeptionen der Heidegger'schen Konzeption des Dings in der Ästhetik die Produktivität von dessen Zeuganalyse.).

Vom Selbstbezug der Mitteilung, wie er für die Lyrik charakteristisch ist, unterscheidet sich die von unserer Poetik in den Blick genommene fiktionale Literatur durch einen Bezug des Codes auf die Mitteilung, der sich im Sprachgebrauch herstellt. Für den fiktionalen Gebrauch der Sprache ist kennzeichnend, dass er Referenz verschiebt und damit die Wahrnehmung von Bedeutung ermöglicht. Indem wir die Affinität von Poetik und Grammatik betonen, behaupten wir nicht, die Semantik literarischer Werke sei irrelevant. Vielmehr insistieren wir, von einem transzendendentalpoetischen Standpunkt aus, auf den Bedingungen der Möglichkeit von Sinn. Die Wahrnehmbarkeit von Bedeutung ist nicht als eine sprachinterne Verdoppelung von Repräsentation – als eine der Sprache inhärente Bühne – zu betrachten, sondern darauf zurückzuführen, dass die Grammatik Prozesse der poiesis von Bedeutung sowohl unterhalb als auch oberhalb der Ebene der Semantik (nämlich in der Morphologie und durch die Syntax) umgreift.

Die systematische Differenzierung von poietischer Verschiebung, deictic shift und temporaler Phorik, die wir im zweiten Kapitel vorgenommen haben, bringt folgerichtig die drei Verschiebungsformen zur Erscheinung, die für eine ‚Poetik der Fiktion' wesentlich sind. Eine Poetik des Tempus versteht Romane als Sprachexperimente an der untersten Schwelle unserer Wahrnehmung von Bedeutung, wo die Sprache auf den Automatismus des Lesens stößt; in diesem Sinne ist sie immer auch Rezeptionstheorie: Weil die Rezeption literarischer Prosa der Phorik des Tempus folgt und Tempora deiktische Kategorien sind, können sich poietische Verschiebungen ereignen. Diese fiktionsauslösende Referenzverschiebung haben wir als Auslöser von Bedeutungswahrnehmung bestimmt. In ihr vollzieht sich – im Unterschied zu der für die poietische Sprachfunktion der Lyrik charakteristischen lautlichen Verdichtung von semantischen Formen – der semiotische Effekt von narrativer Fiktion. Eine Poetik des Tempus ist, so verstanden, nichts anderes als eine generalisierte Theorie erzählter Fiktionen: Poetik der im Lesen der Tempora hergestellten Wahrheit von Zeit.

Sofern eine Poetik die Herstellung einer Wahrheit (von Zeit) betreibt, muss sie sich auch als eine Methode zur Gewinnung von (und sei es partikularer literaturtheoretischer) Wahrheit ausformulieren lassen. Aus unserer Arbeit an einer Poetik des Tempus Präsens heraus lassen sich mithin vier methodische Leitlinien einer experimentellen Poetik hervorheben: erstens ein experimenteller Aspekt der Begriffs(er)findung, zweitens der Aspekt einer Experimentalpoetik des Lesens, drittens die Versuchsanordnung in Analogie zu wissenschaftlichen Experimenten und viertens der Aspekt einer experimentell zu gewinnenden literaturhistorischen Empirie.

 

Auszug aus: Avanessian, Armen; Hennig, Anke: Präsens. Poetik eines Tempus. Berlin 2012. PDF