Epilog "Präsens. Poetik eines Tempus" (Auszug)

1) Das poietische Moment der Begriffsbildung

Der Begriffsbildung ist ein poietischer Zirkel eigen, wie ihn Gilles Deleuze und Felix Guattari für die Philosophie festgehalten haben. Ihnen zufolge „erkennen wir nichts durch Begriffe, wenn wir sie nicht zunächst erschaffen, d.h. konstruiert haben in einer ihnen eigentümlichen Anschauung: einem Feld, einer Ebene, einem Boden, der sich nicht mit ihnen deckt" (Deleuze, Gilles und Guattari, Felix: Was ist Philosophie?, übers. von Bernd Schwibs und Joseph Vogl, Frankfurt am Main 2000, S. 12). Damit ist jener Aspekt von Poetik, den wir bei Agamben gefunden und als die Eröffnung eines Feldes der Wahrheit durch eine Poetik angesprochen haben, auch methodisch eingeholt: die „Terminologie" als „das poetische Moment des Denkens" (Agamben, Giorgio: Was ist ein Dispositiv?, übers. von Andreas Hiepko, Berlin, Zürich 2008, S. 7). Poetik erschafft etwas, bringt also etwas vom Nichtsein ins Sein. Während in einer Poetik des Begriffs mit Deleuze/Guattari gesprochen „jede Schöpfung eine Konstruktion auf einer Ebene ist, die ihr eine eigene Existenz verleiht" (Deleuze, Guattari, Was ist Philosophie, S. 12) , unterscheidet sich eine Poetik der Fiktion qua Zeitform von derjenigen des Begriffs. Die Begriffserfindungen der Philosophie sind „[r]eal ohne aktuell zu sein", wohingegen die literarische Fiktion eine aktuale Zeitform besitzt. Und der philosophische Begriff „besitzt keine Referenz" (Deleuze,Guattari, Was ist Philosophie, S. 29), wohingegen die Poetik der Fiktion sich durch eine Verschiebung von Referenz auszeichnet.

Was wäre – in Analogie dazu gedacht – ein poietischer Begriff? Auch er zeichnet sich dadurch aus, dass „er neue Variationen und unbekannte Resonanzen spürbar macht, ungewöhnliche Schnitte vollzieht, ein Ereignis herbeiführt, das uns überfliegt" (Deleuze, Guattari, Was ist Philosophie, S. 35). Nehmen wir das Beispiel ‚Präsensroman', und fragen wir nach der durch diesen Begriff induzierten Referenzverschiebung. Es macht einen Unterschied, ob man meint, einfach einen Roman im Präsens vor sich zu haben, oder ob man einen paradigmatischen Präsensroman liest, der Katalysator eines sich langsam vollziehenden Dominantenwechsels vom Erzählen zur Fiktion als dem Medium des Romans ist. Im ersten Fall wird der Text nur als Beispiel einer Verfremdungsästhetik rezipiert, und das Präsens als grundlegendes leseleitendes, Fiktion konstituierendes Tempus kommt nicht in den Blick: Der Umgang mit dem Text bleibt bei einer ästhetischen Erfahrung stehen und bringt nur eine Gegenwart zur Erscheinung. Poetik dagegen eröffnet im Lesen den Zugang zur Bildung von Zeit.

2) Das poietische Moment des Lesens

Nur unter den Auspizien einer poietischen De-Konstruktion eines literaturhistorischen Terrains ist das literarische Präsens als fiktionales neu zu lesen. Die Entdeckung eines neuen Lesens – Lesen verstanden als die zentrale Technik der Literaturwissenschaften – erübrigt es, mit allen zur Verfügung stehenden (literaturwissenschaftlichen) Evidenzstrategien behaupten zu müssen, das Phänomen einfach im Material vorgefunden zu haben. Nun ist eine Transformation seiner Verfahren in das Phänomen selbst typisch für verstehendes Lesen. Das Konzept eines 'hermeneutischen Zirkels' erklärt, wie die Voraussetzungen einer Lektüre mit einem vorgefundenen Text interagieren, inwiefern ein Vorgriff auf den ganzen Text die Konstellierung der gelesenen Teile bestimmt, bis zu jenem Umschlagmoment, wo dem Lesenden seine Annahmen als Horizont des Textes selbst entgegenkommen. Dieser Zirkelzug wird in dem Maße zu einer fruchtbaren poietischen Methode, wie man die Illusion des Faktischen daran aufgibt und das referenzverschiebende Moment der Fiktion erkennt, d. h. an die Stelle eines nachträglichen Bemühens um Objektivierung der eigenen Interpretation ein gezieltes und im Vorhinein als Versuch ausgewiesenes wissenschaftliches Leseexperiment setzt.

An dieser Stelle kommt denn auch eine weitere Konnotation von ‚Experiment' ins Spiel: Die naturwissenschaftliche Gewinnung eines Gesetzes aus der Empirie (mit dem Ideal klinischer Reduktion, kontrollierbarer Bedingungen, Wiederholbarkeit, der Verbindung von „lokale[r] Begrenzung mit Zukunftsoffenheit, Limitionalität des Wissens mit hoher Anschlussfähigkeit" (Gailus, Andreas: „Ein Theater des Infinitesimalen. Musil und die Grenzen der Genauigkeit", in: Azzouni, Safia und Wirth, Uwe (Hg.): Dilettantismus als Beruf, Berlin 2010, S. 65-82, hier S. 72) ) wird ergänzt durch ein poetisches Experiment, das seinen Ort traditionell im experimentellen Schreiben hat. Experimentelle Verfahren einer Poetik sind im Lesen zur Geltung zu bringen, weil ein poietisches Moment literarische und Wissen schaffende Praxis eint: das Abzielen auf etwas Unbekanntes.

 

Auszug aus: Avanessian, Armen; Hennig, Anke: Präsens. Poetik eines Tempus. Berlin 2012. PDF