Einleitungstext Poesie und Begriff

Zahlreiche poetische Werke der letzten Jahre, die etwa Begriffstudio, Sachverstand oder Fachsprachen heißen, bezeugen eine starke Affinität von poetischem und theoretischem Begriff. Wie beziehen sich zeitgenössische Lyriker auf die Begriffsarbeit der Philosophen? Und was können umgekehrt akademische Versuche der Begriffsbildung von den Abstraktionsleistungen poetischer Sprache lernen? Jede Begriffsbildung vollzieht sich als ein poietischer Zirkel, wie er für die Philosophie beschrieben wurde: wir erkennen nichts durch Begriffe, wenn wir sie nicht zunächst erschaffen oder konstruieren, um eine neue Anschauung oder eine neue Ebene des Erkennens zu erschließen. Damit ist ein Aspekt von Poetik angesprochen, der über die Frage nach dem Machen eines Textes hinausgeht und poiesis emphatisch als Produktion von Wissen denkt. Wie der philosophische zeichnet sich auch der poetische Begriff dadurch aus, dass er neue Variationen und unbekannte Resonanzen spürbar macht, ungewöhnliche Schnitte vollzieht, ein Ereignis herbeiführt, das uns überfliegt (Deleuze/Guattari). Und wie verhält sich ein solches poetisches Moment des Denkens in Dichtung und Philosophie zu der gemeinhin nur den Wissenschaften zugesprochenen Erforschung der Wirklichkeit? Die Abstraktionen, die poetisches Denken ermöglicht, und die experimentellen Strategien, denen Autoren folgen, ähneln in vieler Hinsicht wissenschaftlichen Versuchsanordnungen: sie sind prekäre Strategien der Wissensgewinnung ganz in dem Sinne, wie Hans-Jörg Rheinberger sie dem naturwissenschaftlichen Experiment attestiert. In Gesprächen mit ausgewählten Autoren soll es über literaturwissenschaftliche Poetologie und Autorenpoetik hinaus darum gehen, Korrespondenzen der verschiedenen Zugänge zu sondieren und für einander produktiv zu machen.