Über die Ringvorlesung "Poetik"

Literaturwissenschaftliche Arbeiten nehmen seit Jahrzehnten erhebliche Anleihen bei soziologischen, psychologischen, kultur- und medientheoretischen Modellen auf, so dass ein eigenständiges disziplinäres Instrumentarium im Umgang mit poetischen Texten zunehmend schwieriger auszumachen ist. Zugleich lässt sich eine neuere Konjunktur des Begriffs Poetik beobachten:  Aktuelle Poetiken des Wissens, des Raums, des Tanzes, der Ökonomie, des Nichtstuns oder der Macht gehen, meist implizit, von einem Erklärungspotential poetologischer Fragestellungen gerade mit Blick auf Gesellschaftsbereiche aus, in deren Selbstverständnis poetische Produktion und literarische Narrative keine dominante Rolle spielen. Sie betonen damit ausdrücklich soziale und politische Implikationen poetischer Modellierungen der Wirklichkeit; insofern scheinen die verbreiteten Vorbehalte gegen das  normative Erbe der Verspoetik, ahistorische Genretheorie und den Rückzug poetischer Analysen in die reine Immanenz sie nicht zu treffen.

Die ungeklärte Bedeutung poetologischer Ansätze für die Beschäftigung mit Literatur einerseits und ihre zunehmende Bedeutung für gesellschaftliche Analysen andererseits bieten die Gelegenheit einer positiven Neubestimmung und Aktualisierung von "Poetik".  Sprache konstruiert Zugänge zur Wirklichkeit, literarische Sprache leistet eine Ausgestaltung der Welt im Sinne möglicher Wirklichkeiten. Die Ringvorlesung fragt sowohl nach dieser im weiteren Sinne poietischen als auch nach der literarischen Funktion von Sprache. In ihrem Zentrum steht die literaturwissenschaftliche Frage nach aktuellen Konzeptionen von "Poetik": Gibt es genuin literaturwissenschaftliche methodische Vorgaben, die sich als Bestandteile einer Poetik begreifen lassen? Worin liegt ihr Erklärungs-Mehrwert für andere Bereiche wie Wissenschaft, Politik, Ökonomie? Gefragt wird nach dem Verhältnis der Poetik zur Analyse sozialer Strukturen ebenso wie nach ihrem Verhältnis zum  stärker interdisziplinär aufgeladenen Begriff der Ästhetik oder dem stärker disziplinär besetzten Begriff der Philologie. Das Spektrum möglicher Beiträge umfasst die Geschichte der Poetik von der antiken Gattungslehre bis zu postmodernen Texttheorien, Überlegungen zu einer Metatheorie poetologischer Arbeit und Reflexionen darüber, wie weitgehend sich Literaturwissenschaft auch forschungspolitisch über den Begriff der Poetik definieren lässt.