Beschreibung Buchreihe Spekulative Poetik

SPEKULATIONEN ist eine neue Reihe in der Reihe im Merve Verlag Berlin betitelt, die jene intellektu-llen und theoretischen Strömungen würdigt, die sich seit einigen Jahren auf sehr heterogene Weise anschicken, ein neues Paradigma philosophischen Denkens herauszu-bilden. Gemeinsamer Absetzungspunkt der nicht notwendig miteinander kompatiblen spekulativen Positionen ist eine spätestens seit Ende des 20. Jahrhunderts erschöpfte (post)moderne Kondition. Signum der neuen Denkansätze ist ihr positives Verhältnis zur Ontologie und ihr entspannter Umgang mit Metaphysik. Die Buchreihe wird das neue spe-kulative Denken mit Erstveröffentlichungen, Aufsatzsamm-lungen, und Übersetzungen zentraler Texte der bislang vor allem im anglo-amerikanischen und französischen Sprach-raum rezipierten Autoren und Autorinnen einer deutsch-sprachigen Leserschaft bekannt machen. Nicht zuletzt geht es darum, den Begriff des Spekulativen von seinen gegenwärtig hauptsächlich negativen Konnota-tionen zu lösen. Denn Spekulation als haltlos zu diffamieren, bedeutet letztlich, sich dem Gegebenen vollends auszulie-fern. Dagegen kommt es stets gerade der spekulativen Dimension philosophischen Denkens zu, Neues zu denken oder das Alte neu zu denken. So entdeckt das neue speku-lative Denken mit der Notwendigkeit von Kontingenz auch die Kontingenz des (nur scheinbar) Notwendigen. Es zeich-net sich durch die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse als philosophische Ressourcen zu nutzen aus, durch eine emphatische Orientierung am Absoluten und nicht zuletzt durch die Suche nach zeitgemäßen Widerstandsformen, Fluchtwegen oder gar Freiräumen.
Über die SPEKULATIONEN-Reihe bei Merve hinaus, wollen die Buchpublikationen des Projekts ingesamt zu einer Wissenschaft der Literatur beitragen, indem sie drei grundlegende Aspekte von Poetik aufnimmt: Erstens hat Poetik ihren Ausgangspunkt in literarischen Inventionen, wie sie sich exemplarisch in der Poesie verkörpern. Zweitens wurzelt Poetik in der Sprache, deren materielle und immaterielle Formen ihre Gestalt bestimmen. Drittens markiert Poetik jenen Ort der literarischen Reflexion, an dem ihr philosophisches, spekulatives Moment zur Geltung kommt. Methodische Aufgabenstellung der Reihe ist es somit, sprachphilosophische und linguistische Beiträge mit solchen aus der gegenwärtigen Literatur selbst zu vermitteln. Dabei soll vor allen Dingen ein neues Nachdenken über Literatur vorangetrieben, die Notwendigkeit einer gegenwärtigen Theoriebildung betont und ein Neudenken der Sprache als eines Instrumentes zur Erschließung von Realität angestoßen werden.
Poetik als spekulative zu verstehen heißt, sie nicht mehr nur als ein Nachdenken über Literatur zu verstehen. Vielmehr geht es darum, literarisches Denken als spekulatives Vermögen der Literatur selbst zu entfalten. Ein sprachlichen Strukturen eingeschriebenes Denken auszuformulieren, meint beispielsweise die gegenwärtige experimentelle Lyrik nach ihren Verfahren der Begriffsbildung zu befragen. Eine systematische Verschiebung der wechselseitigen Perspektiven will andererseits den gegenwärtigen Realismus in der Philosophie zu Wort kommen lassen.
Der systematische Perspektivenwechsel betrifft also alle drei Aspekte: Die Literatur ist ebensowenig nur Ort der Kunst wie die Sprache nur ihr Medium oder die Philosophie der ausschließliche Ort des (ästhetischen) Nachdenkens. Spekulative Poetik folgt einem literarischer Sprache eigenen Wissen: Wie ist die Sprache als eine Matrix des Denkens zu analysieren? Welche Begriffe werden in gegenwärtiger Lyrik geschaffen? Im Zusammenhang solcher Fragen kommen der philosophischen Spekulation spezielle Aufgaben zu, nicht zuletzt diejenige, über den mimetischen, bildhaften und spekulativen Realismus literarischer Imagination Aufschluss zu geben.
Die Konzeption der Buchpublikationen von Spekulative Poetik folgt der programmatischen Trias von akademischer Literaturwissenschaft, literarischem Experiment und philosophischer Reflexion. In der Reihe treffen zeitgenössische Reflexionen zur Poetik (etwa aus dem Kontext universitärer Veranstaltungsreihen) auf historische Überlegungen. Einerseits soll das Wissen heutiger Literatur und Literaturtheorie aufnehmen und andererseits historische Anschlüsse aus den Bereichen der Linguistik und Philosophie aktiviert werden. Dem entspricht auch die Mischung unterschiedlicher Textgenres, also von Beiträgen und Übersetzungen zeitgenössischer Autoren, die ergänzt werden durch die Übersetzung historischer Monographien vor allem französischer und russischer Provenienz.