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Poetik

Historische Narrative, aktuelle Positionen
Armen Avanessian (Hrsg.)
Jan Niklas Howe (Hrsg.)
 
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Aktuelle Poetiken des Wissens, des Raums, des Tanzes, der Ökonomie, des Nichtstuns oder der Macht gehen- meist implizit- von einem Erklärungspotenzial poetologischer Perspektiven mit Blick auf Gesellschaftsbereiche aus, in deren Selbstverständnis poetische Produktion und literarische Narrative keine dominante Rolle spielen. Sie betonen damit ausdrücklich soziale und politische Implikationen poetischer Modellierungen der Wirklichkeit; insofern scheinen die verbreiteten Vorbehalte gegen das normative Erbe der Verspoetik, eine ahistorische Genretheorie und den Rückzug poetischer Analysen in die innerliterarische Immanenz sie nicht zu treffen.

Die ungeklärte Bedeutung poetologischer Ansätze für die Beschäftigung mit Literatur einerseits und ihre zunehmende Bedeutung für gesellschaftliche Analysen andererseits bieten die Gelegenheit zu einer positiven Neubestimmung und Aktualisierung von „Poetik". Sprache konstruiert Zugänge zur Wirklichkeit, literarische Sprache leistet eine Ausgestaltung der Welt im Sinne möglicher Wirklichkeiten. Die Ringvorlesung fragt sowohl nach dieser im weiteren Sinne poietischen als auch nach der literarischen Funktion von Sprache. In ihrem Zentrum steht die literaturwissenschaftliche Frage nach aktuellen Konzeptionen von „Poetik": Gibt es genuin literaturwissenschaftliche methodische Vorgaben, die sich als Bestandteile einer Poetik begreifen lassen? Worin liegt ihr Erklärungs-Mehrwert für andere Bereiche wie Wissenschaft, Politik, Ökonomie? Gefragt wird sowohl nach dem Verhältnis der Poetik zur Analyse sozialer Strukturen als auch nach ihrem Verhältnis zum interdiszplinär aufgeladenen Begriff der Ästhetik oder dem eherdisziplinär besetzten Begriff der Philologie. Das Spektrum möglicher Beiträge umfasst die Geschichte der Poetik von der antiken Gattungslehre bis zu postmodernen Texttheorien, Überlegungen zu einer Metatheorie poetologischer Arbeit sowie Reflexionen darüber, inwieweit sich Literaturwissenschaft auch forschungspolitisch über den Begriff der Poetik definieren lässt.

Der Sammelband geht von zwei gegenläufigen Beobachtungen aus: Auf der einen Seite
steht die aktuelle Konjunktur des Begriffs „Poetik", in heterogenen Verwendungskontexten wie Poetiken des Wissens, des Raums, des Tanzes, des Nichtstuns
oder der Macht. Auf der anderen Seite steht seine unklare Bedeutung für im engeren
Sinne literaturwissenschaftliche Arbeit, die seit Jahrzehnten erhebliche Anleihen
bei soziologischen, psychologischen, kultur- und medientheoretischen Modellen
aufnimmt. Was also ist Poetik und wie verhält sie sich zum poetischen Text? Was sind
ihre methodischen Grundlagen und philosophischen Voraussetzungen? Worin liegt ihr
Erklärungspotential für Gesellschaftsbereiche, in deren Selbstverständnis Poetizität
gerade keine dominante Rolle spielt? In welchem Verhältnis steht sie zu Ästhetik,
Hermeneutik und Philologie? Die hier versammelten Versuche, diese Fragen zu
beantworten, führen immer wieder auf historische Narrative der Poetik zurück, zu
Aristoteles, in die Frühromantik und zur strukturalistischen Poetik Roman Jakobsons.
Sie führen aber auch zu Möglichkeiten, Poetik neu zu bestimmen als eigenständigen
methodischen Kern der Literaturwissenschaft.

 
Erschienen März 2014 • ISBN 1234555 • 29,80 €